Es war doch der heilige Franziskus, der den Vögeln predigte und nicht sein Ordensbruder Antonius. Was hat nun der fromme Mann aus Padua mit einem Mauersegler, dem allseits bekannten Zugvogel zu tun? Eigentlich nichts, aber für mich schon, wie ich glaube.
Zeitgenössisches Gemälde des hl. Antonius ( Guercino 1656)
Die ganze Geschichte beruht auf der Tastache, dass ich ein leidenschaftlicher Flieger und Fluglehrer war und jetzt im Alter, nach dem aktiven Sport, das Modellfliegen genauso gern betreibe. Auch meinen Enkel Stefan habe ich mit diesem „Virus“ angesteckt. Nicht immer zur reinen Freude von Oma und Tochter ! Mit Stefan, damals etwa 14 Jahre alt, zusammen bauten wir aus Depron (Art von Styropor) ein ferngesteuertes Flugmodell, das einem Mauersegler sehr ähnlich war.
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Der "Mauersegler" mit der Fernsteuerung | ![]() |
Der künstiche Vogel im Flug |
Vor Allem im Flug waren die Modelle kaum von den „Originalen“ zu unterscheiden. Selbst die Schwalben und einige Turmfalken fielen anfangs darauf rein, bis sie merkten, dass ihnen kein gefiederter Kollge den Luftraum streitig macht, sondern ein technisches Gerät aus Menschenhand. .
Inzwischen ist mir dieses Flugmodell zu einem wertvollen Erinnerungsstück geworden, das ich nur ein- oder zweimal im Jahr aus dem Keller hole, um den „Mauersegler“ in Action zu erleben. Stefan ist erwachsen und steht mitten im Berufsleben, fliegt aber immer noch gerne verschiedenste Modellflugzeuge, wenn es ihm die Zeit erlaubt. Seit einigen Jahren in Pension habe ich natürlich mehr Zeit als er, unserem Hobby nachzugehen.
So kam es, dass ich an einem mildwarmen Sommerabend im letzten August auf der Terrasse sitzend, den Schwalben bei ihrem eleganten Flug zuschaute und ihre gekonnte und unglaublich schnelle Jagd um Häuser und Bäume bewunderte. Schwalben sind den Mauerseglern im Flug ziemlich ähnlich , nur etwas kleiner , aber genau so wendig und schnell.
Die alte Leidenschaft fürs Fliegen brachte mich auf die Idee, es den Vögeln ein bisschen gleich zu tun.
Ich ging in den Bastelkeller und holte meinen etwas verstaubten „Mauersegler“ aus dem Regal, bestückte ihn mit frischgeladenen Akkus , richtete die Fernsteuerung her und kurz entschlossen gings hinunter zu einer nur zur Hälfte gemähten Wiese am Ortsrand, meinem “Privatflugplatz“.
Ein sanfter Ostwind strich über das kniehohe Gras den leichten Hang herauf und die Sonne stand schon tief im Westen, wo sie bald hinter den großen Hecken untergehen würde. Ideale Bedingungen für einen abendlichen „Lustflug“, stellte ich für mich fest. Also, Sender ein, Empfänger ein, dreimal piepst der Regler, der Elektromotor surrt wie gewohnt leise und die Ruder zum Steuern des Fluggerätes funktionieren einwandfrei .
Mit einem leichten Schubs übergebe ich den Vogel seinem Element.
Leise surrend steigt mein „Mauersegler“ in den abendlichen Himmel, als ob er schon darauf gewartet hätte, endlich wieder in die Luft zu kommen. Sofort sind einige Schwalben da, umkreisen aufgeregt zwitschernd den vermeintlichen Insektenjäger , machen sich aber rasch wieder davon, als sie merken, dass der Kollege kein Nahrungskonkurent ist .
Ein Bussard lässt sich beim Kreisen in der Abendthermik nicht stören. Wahrscheinlich kennt er den künstlichen Artgenossen schon und weiß, dass er weder von ihm etwas zu befürchten hat, noch passt er in sein Beuteschema. Auf dem Display am Senderpult lese ich 80 Meter Höhe und schalte den Motor ab . Lautlos gleitet mein „Mauersegler“ in eleganten Kurven die Höhe ab. Er ist jetzt ein Segelflieger und kommt so dem Erdboden wieder näher, bis ich den Antrieb wiederum aktiviere und das Modell wieder an Höhe gewinnt. In der ruhig warmen Abendluft zieht der Flieger souverän seine Bahn in den fast wolkenlosen Himmel.
Ein wunderbares Bild für einen alten Flieger! Modellfliegerherz,was willst du mehr?
„Wenn´s dem Esel zu wohl wird, geht er auf´s Eis!“, sagt ein altes Sprichwort. „Wenn´s dem Flieger zu gut geht, macht er Kunstflug!“ könnte man ergänzen. Also zeigen wir einmal, was Schwalben, Mauersegler, Turmfalke und Co nicht können: Etwas Gas gegeben und am Knüppel ziehen und schon macht der Kunstvogel einen kreisrunden Überschlag nach oben, einen klassischen Looping.
Und weils schön ist, gleich noch einen und noch einen. Und weils so herrlich Spaß macht, hängen wir auch noch ein paar Rollen dran.
Es ist ein wahrer Genuss, mit dem schwarz gefiederten Luftakrobaten herum zu turnen. Es ist besonders interessant, im Tiefflug , so in Grasspitzenhöhe, das Modell vorbei flitzen zu lassen. Das erfordert ein gutes Auge und eine schnelle Reaktion. „No risk, no fun !“ sage ich mir übermütig und lasse den Flieger noch einmal an mir vorbeischießen. Dabei muss ich mich sehr schnell auf der Stelle umdrehen, um das Modell ja nicht aus den Augen zu verlieren. Denn ein Modell, das ich nicht mehr sehe, kann ich auch nicht mehr steuern! Und genau das passiert: beim Drehen trete ich in eine Erdmulde, verliere das Gleichgewicht und sitze unvermittelt auf dem Hosenboden im feuchten Wiesengras. Zu allem Unglück verliere ich auch noch meine Brille, so dass ich meinen Mauersegler für einige Sekunden total aus den Augen verliere. Krampfhaft den teueren Sender in der Hand haltend rapple ich mich wieder hoch. um mein so geschätztes Flugmodell wieder unter Kontrolle zu bringen. Aber bis so ein Opa sich endlich wieder in der Senkrechten befindet, ist der Flieger irgendwohin verschwunden.
Weg ist er!
Ich sehe und höre nichts mehr von dem guten Stück! Meine teure Gleitsichtbrille ist auch weg. Ohne diese brauche ich erst gar nicht anfangen zu suchen. Ziemlich geknickt und traurig trete ich den Heimweg an. Mein schöner Mauersegler verschwunden ! Der materielle Verlust wär ja noch zu verkraften, aber der ideelle Wert ist unersetzbar, wo doch so viele, schöne Erinnerungen damit verbunden sind ! Was wird mein Enkel Stefan dazu sagen ?
Als ich heimkomme, steht meine Frau am Gartenzaun und erkennt sofort, dass etwas schief gelaufen ist.
“ Auweh, wieder was kaputt !“, stellt sie sachkundig fest.
Ich bejahe das und ergänze frustriert:
“ Und die Brille ist auch weg!“
„Dann suchen wir halt!“, meint Maria.
„Wenn ich nur genau wüsste wo!“, gebe ich zu bedenken.
„Außerdem wird´s bald dämmerig und ohne Brille geht überhaupt nichts,“
„Dann hol deine Ersatzbrille und wir ziehen los!“ befiehlt die leidgeprüfte Fliegers-Frau.
Brav gehorchend, aber mit wenig Hoffnung eilen wir zu meinem „Privat-Fugplatz“. Die Stelle, wo ich unfreiwillig im Gras gesessen hatte, finden wir schnell und unmittelbar daneben meine wertvolle Brille, ohne die ich einfach nichts sehen kann.
„Immerhin etwas“, meint Maria.
„Um die teuere Brille wär´s wirklich schade gewesen. Und dein Spielzeug kann auch nicht weit sein!“
Was hat sie gesagt? „Spielzeug!“, zu meinem mit modernster Elektronik ausgestatteten Fluggerät! Zu einem Diskurs über den erzieherischen Wert des enorm vielseitigen und höchst anspruchsvollen Hobbys bin ich im Augenblick nicht fähig. So verkneife ich mir eine Belehrung, und stelle schon leicht resignierend fest:
“ Hier das halbhohe Gras, dort die vielen Hecken und dann noch die großen Maisfelder, der Vogel kann überall liegen!“
„Jetzt jammere nicht , überleg , wo du ihn zuletzt gesehen oder gehört hast!“, ermahnt mich meine bessere Hälfte.
„Also hören kann man den Elektroantrieb sowieso kaum, nur das Geräusch der sich bewegenden Rudermaschinen wäre vielleicht vernehmbar, wenn´s ganz ruhig ist“, erkläre ich. „Aber ,wenn es beim Aufschlag die Akkus rausgehauen hat, dann geht, da auch nichts mehr!“, stelle ich ergänzend fest.
Trotzdem schalte ich den Sender ein und bewege gleichmäßig die Steuerung. Angestrengt horchen wir in in die zunehmende Dunkelheit.
Nichts !
Vorsorglich habe ich eine leuchtstarke Taschenlampe dabei und wir schreiten langsam die Hecken ab, wobei ich die hohen Äste der Bäume anstrahle und Maria den Bodenbereich absucht.
Nichts!
„Bei dem leichten Ostwind könnte er nach Westen abgetrieben worden sein“, vermute ich mit zunehmender Resignation.
„Da ist aber das große Maisfeld“, erwidert meine Frau.
Es ist schon fast ganz dunkel, als wir mit dem Absuchen der einzelnen Reihen der mehr als zwei Meter hohen Maisstauden aufhören müssen.
Enttäuscht, ja richtig traurig treten wir den Heimweg an.
Die abendliche Brotzeit mit dem sonst so süffigen Gutmannweizen schmeckt mir nicht so richtig und die Siebenuhr -Nachrichten interessieren mich auch nicht. Die Gedanken sind draußen auf den Feldern, wo jetzt mein armer „Mauersegler“ liegt oder hängt und die Nacht verbringen muss. Nachts schlafe ich schlecht und überlege und grüble, was ich noch tun könnte, um mein so geschätztes Flugmodell wieder zu finden.
Unvorstellbar, wenn das gute Stück von einem Mähwerk zerfetzt oder gar von einem Maishäcksler zerrissen würde!
Da fiel mir ein, dass meine Mutter uns Kindern oft erzählt hat, dass der heilige Antonius immer hilft, wenn man etwas nicht mehr findet. „Not lehrt Beten!“ , sagt eine alte Volksweisheit und in meiner Not bat ich den Heiligen um seine Hilfe. Irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen, um schon beim ersten Morgengrauen wieder aufzuwachen.
Mein erster Gedanke galt natürlich meinem verlorenen „Mauersegler“. Sehr zum Leidwesen meiner lieben Gattin stand ich sofort auf, um die verzweifelte Suche fortzusetzen. Von meiner aktiven Zeit als Pilot weiß ich, wie gut man von oben alles sehen kann und schon mehrmals habe ich befreundeten Modell-fliegern geholfen, ihre Fluggeräte in Getreidefeldern oder Wiesen wieder zu finden.
Blick über den Flügel auf die Felder ,wo ein weiteres Modell fliegt.
Aber diese Möglichkeit hatte ich nun nicht mehr und so kam ich auf die Idee, meine kleine „Actioncam“ auf ein anderes Modell zu montieren und damit das Gelände abzusuchen.
Während meine Frau das Frühstück herrichtete, rüstete ich einen drei Meter spannenden Motorsegler mit der Kamera aus. Die Sonne war noch kaum aufgegangen, da stand ich bereits wieder an meiner Wiese und steuerte das Kameraflugzeug ruhige Kreise fliegend über die vermuteten Absturzstellen .
Nach der Landung gings schnurstracks heimwärts, um die Videos auszuwerten. „Der schwarze Vogel müsste im grünen Gras oder auf der Hecke doch zu sehen sein!“, meinte ich, als wir zusammen den Film betrachteten. Grüne Wiesen mit Maulwurfshügeln, ein verlorenes Taschentuch, einen alten blauen Eimer in der Hecke, ein hellbrauner Plastiksack am Rand eines Maisfeldes und die deutlichen Spuren einer Gülledüngung waren einwandfrei zu erkennen.
Einen schwarzen Mauersegler sahen wir nicht!
„Auch nicht mehr weit her mit dem heiligen Antonius“, dachte ich so für mich. Nochmals gingen wir ins Gelände,um unseren vermissten Luftakrobaten zu suchen. Obwohl meine Frau im Haus Wichtigeres zu tun gehabt hätte, ging sie nochmals mit auf Suche. Aber nichts zu sehen, nichts zu finden, der Flieger war einfach fort. Also können wir das gute Stück vergessen.
Mit dieser Tatsache musste ich mich wohl abfinden ! Wäre ja nicht das erste Mal, dass ein entflogenes Modell für immer verschwunden bleibt.
Zu allem Unglück begann es am folgenden Tag auch noch zu regnen, was der empfindlichen Elektronik meines vermissten Vogels gar nicht gut bekommt.
Unseren täglicher Morgenspaziergang führte auch an meiner besagten „Flugplatzwiese“ vorbei. So im Stillen dachte ich wieder an meinen verlorenen „Mauersegler“ und sagte in Gedanken: „O heiliger Antonius , du warst auch schon mal besser drauf ! Mein Kummer interessiert dich
wohl überhaupt nicht?“ So schritten wir gedankenverloren im morgendlichen leichten Sommerregen nebeneinander her.
“ Da hat doch wieder so ein Umweltfrevler eine schwarze Plastiktüte in die Wiese geworfen!“, schimpfte plötzlich meine Frau. Tatsächlich, zwischen den grünen Grasspitzen glänzte etwas Schwarzes.
„Wenn´s nicht so nass wäre, könnte ich die Tüte ja holen und daheim richtig entsorgen “, meinte ich darauf.
Kurz entschlossen stapfte ich durch das tropfnasse Gras, um den Umweltfrevel zu beseitigen. An der Stelle angekommen, bückte ich mich und .......................
hatte meinen Mauersegler in der Hand !
„Das gibts doch nicht!“, rief ich laut. Freudestrahlend brachte ich den wertvollen Fund zu meiner Frau, die auch total überrascht feststellte:
„Dem fehlt ja gar nichts! Da ist nix kaputt! Nur patsch nass ist er halt!“
„Das kann man wieder trocknen“, entgegnte ich. „Hauptsache, der Motor und die Elektronik ist noch in Ordnung“.
Mein braver Mauersegler war tatsächlich alleine im Gras gelandet,ohne dass er irgendwie beschädigt worden wäre. Nur die Akkus waren ganz leer, aber Ruder, Motor und Empfänger funktionierten noch einwandfrei.
Das alleine ist schon ein kleines Wunder und dass wir ihn nach drei Tagen unbeschädigt wieder fanden, dieses Wunder verdanke ich zweifellos dem heiligen Antonius, bei dem ich mich in aller Form entschuldigte und ihm versprach, nie wieder an seiner Hilfsbereitschaft zu zweifeln und in seiner Kirche in Stadelhofen die Orgel besonders schön und natürlich kostenlos zu spielen. Somit hat Sankt Antonius seinen guten Ruf als tatkräftiger Nothelfer und vielseitiger Patron aller Suchenden bestätigt.
Und das sogar mit meinem „Mauersegler“!
Andreas Bauer
Lehrer, Fluglehrer a.D.











