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Die Story vom Kunstflugsegler, der es etwas übertrieben hat.

Am Anfang war der „PILATUS B4“ ein sehr agiler und flotter Kunstflugsegler, der keine Flugfigur scheute. Ob Looping oder Turn, Rolle gerissen oder gestoßen, Trudeln oder Rückentiefflug in Ameisenkniehöhe. Der PILATUS machte alles mit. Er war fast unverwüstlich. Ein Draufgänger!

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Eines Tages kam er auf die Idee, seinen soliden brushless Outrunner (Elektromotor) mit Klappluftschraube  durch einen Impeller zu ersetzen. Also unterzog er sich einem größeren chirugischen  Eingriff, wobei der Elektromotor entfernt, eine neue Schnauze angeformt und auf die Holmbrücke zwischen den Flächen eine Turbine aufmontiert wurde.

Er sah jetzt richtig stark aus mit dem neuen Rumpfbug und dem Impellertriebwerk obendrauf. Und fliegen konnte er auch, und wie! Zu seinem rasanten Kunstflug kam jetzt noch der irre Sound eines „Düsentriebwerkes". PILATUS war die Show, wenn er auf den Flugplatz kam.

 Und er genoss es!

Eines Tages turnte er wieder wie verrückt im Luftraum herum, bis nach einem fast senkrechten Sturzflug, der natürlich mit beinahe Vollgas durchgeführt wurde, sich der Rotor des Impellers mit einem jaulenden Geräusch zerlegte, und förmlich explodierte. Zwar konnte der PILATUS im Gleitflug problemlos landen, aber der Impeller war irreparabel erledigt.

Nach einer längeren Ruhephase im Bastelkeller kam dem Kunstflugsegler eine Idee: „Back to the roots!“ dachte er sich und mutierte zu einem "reinen Segler", also kein Motor, kein Regler, kein Faltpropeller, nur ein dreiachs gesteuertes Flugzeug mit eingebauter Schleppkupplung und einem Stahlhacken unten am Rumpf für einen evtl. Hochstart.

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So ging es denn zum Flugplatz, wo ich mit meinem Enkel Stefan, ein erfahrener Schlepppilot mit der "FUN CUB", den ersten Flugzeugschlepp durchführte.

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Zwar reagierte PILATUS am Seil etwas nervös, aber eine Höhe von über hundert Meter war schnell erreicht und nach dem Ausklinken flog der Segler flott und sicher seine Höhe ab. Auch der zweite Start im F-Schlepp verlief erfolgreich, wobei fast die Sichtgrenze erreicht wurde und PILATUS aus größerer Höhe sicher zur Landung hereinschwebte, nachdem er gezeigt hatte, dass er Rollen und Loopings auch ohne Motor fliegen kann.

„Back to the roots!“ War doch die Idee! Also warum nicht mal einen Start im Autoschlepp probieren oder noch besser mit einem Quad? Stefan ist nämlich nicht nur ein begeisterter Modellflieger, sondern auch ein leidenschaftlicher Quadfahrer. Also gings diesmal hinaus in die Flur, auf einen zum Wind passenden Feldweg, wo etwa 100Meter Maurer-Schnur ausgelegt wurden. Das eine Ende wurde am Quad befestigt, das andere an der FS-Kupplung. Die Nase im Wind lag PILATUS auf dem Feldweg und Stefan zog vorsichtig an. Tatsächlich kam der Segler vom Boden frei und stieg im flachen Winkel bis ca. vierzig Meter Höhe. Weiter gings nicht. Die Schleppkupplung war zu weit vor dem Schwerpunkt und damit war kein größerer Anstellwinkel möglich. So konnte keine Höhe erreicht werden.

Deshalb klingte ich in ca. 40 Meter Höhe aus und landete nach kurzem Flug wieder an der Startstelle. Um mehr Höhe zu gewinnen, musste das Schleppseil näher am Schwerpunkt des Modells eingehängt werden.  Und da war nur der feste Haken für den Hochstart mit dem Gummiseil, das beim Überfliegen bzw. Nachlassen der Seilspannung aus den Haken rutschte und zu Boden fiel. Mit gemischten Gefühlen hängten wir die am Quad festgebundene Schnur an den Hochstarthacken, der Tatsache bewusst, dass wir im Notfall nicht ausklinken konnten!  Das Seil musste spätestens beim Überfliegen des Schleppers von selbst aus dem Hacken herausfallen. 

„No risk, no fun!” Der Pilatus hat schon einiges ausgehalten und heil überstanden, warum nicht auch einen Schlepp am Hochstarthacken?

Seil eingehängt, langsam zog Stefan das Seil straff und auf mein Kommando hin gab er zügig Gas. Der Segler schoss fast aus dem Stand blitzartig in die Höhe und ich hatte Mühe, ihn am seitlichen Ausbrechen zu hindern. Pfeifend schoss er von rechts nach links und von links nach rechts, gewann aber sehr schnell an Höhe. Stefan meinte es gut und gab noch ein bisschen mehr Gas. 

Das war zu viel!

Pilatus war überfordert! Ihn verließen die Kräfte! Erst verlor er die rechte Tragfläche und er drehte wie verrückt Rollen am Seil, dann flog auch die linke Fläche davon.

Während die beiden Flügel langsam dem Boden zu trudelten, schoss der Rumpf immer noch am Seil hängend in Richtung Ackerboden. Ich konnte ja nicht ausklinken und Stefan musste auf den Weg achten und merkte viel zu spät, dass er nur noch den Rumpf ohne Tragflächen hinter sich herzog. Beim Aufschlag auf dem Ackerboden zerlegte sich auch noch das gesamte Leitwerk, so, dass nur noch der aerodynamisch wohl geformte schlanke  Rumpf  intensiven Kontakt mit der Gülle getränkten Ackererde hatte.

Pilatus Bruch

So blieb uns beiden Aviatikern nur noch die traurige Pflicht, die übel riechenden Reste des einst so stolzen Kunstflugseglers „Pilatus B4“ einzusammeln und etwas zerknirscht den Heimweg anzutreten, der Tatsache bewusst, dass vor allem in der Fliegerei gilt: "Übermut tut selten gut!"

Andreas Bauer

Febr. 2026

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